Angriffe auf CSD-Demonstrationen, minderjährige Rechtsterroristen und rechte Meme-Propaganda in Gaming-Kreisen: Auf Social Media entsteht eine neue Generation jugendlicher Rechtsextremer. Der digitale Weg in den Neonazismus ist kurz und zunehmend gut organisiert.
Social Media als Ort der Radikalisierung
TikTok-Videos mit marschierenden Glatzen war gestern. Heute kommen rechte Inhalte als trendige Aesthetic-Clips, Memes oder verherrlichende Edits daher. Besonders auf Plattformen wie Instagram, TikTok und WhatsApp finden junge Menschen mit rechtsextremer Ideologie in wenigen Klicks Anschluss.
Laut dem CeMAS-Paper „Eine neue Generation von Neonazis“ nutzen rechtsextreme Jugendgruppen genau diese Kanäle zur Rekrutierung. In der Organisation unterstützen ältere, erfahrene Neonazis dabei, junge Menschen gezielt zu erreichen. CeMAS betont, dass diese neuen Gruppen im Unterschied zu klassischen rechtsextremen Strukturen stark auf Meta-Plattformen und Telegram setzen.
Tipp: Inhalte, die politische Botschaften emotionalisieren oder vereinfachen, sollten gezielt auf Quelle, Motiv und Kontext geprüft werden.
Mobilisierung und Organisation im digitalen Raum
In den Mobilisierungen gegen Veranstaltungen des Christopher Street Days (Demonstration für die Rechte von LGBTQI+ Gruppen) zeigt sich ein Wandel der Gruppenbildung: Viele Gruppen wurden erst durch Online-Aufrufe und anschließende Proteste sichtbar – sie entstehen direkt im Feed. Der digitale Raum dient nicht nur der Rekrutierung, sondern auch der Koordination.
In mehreren Städten wie Bautzen oder Leipzig war die Teilnahme von mehreren hundert Neonazis zu verzeichnen, was auf eine gut organisierte Online-Struktur schließen lässt. 2024 mobilisierten sich in 27 deutschen Städten rechtsextreme Gruppen gegen CSD-Veranstaltungen. Auffällig ist die offene Präsentation der Gruppenzugehörigkeit inklusive Gesicht und Klarnamen – ein Zeichen gestiegener Selbstsicherheit. Selbst die Sperrung einzelner Accounts führt laut CeMAS nur selten zu nachhaltiger Eindämmung.
Vom Scrollen zur Radikalisierung
Die neue rechte Szene ist stilistisch modern, ironisch und trendsicher. Was früher über Neonazi-Foren wie Stormfront lief, passiert heute über algorithmusgesteuerte Timelines. TikToks For-You-Page spült Jugendlichen Inhalte in den Feed, die unter dem Deckmantel von Humor, Anti-Woke-Kritik oder Männlichkeitskult rechtsextreme Ideologie verbreiten.
Besonders anfällig sind junge Männer, deren Online-Zeit von Gaming- und Trollkultur geprägt ist und deren soziale Bindungen im analogen Leben eher schwach sind. Für sie wirken diese digitalen Räume wie Ersatz-Communitys mit klaren Feindbildern und einfachen Erklärungen.
Echokammern, Gewaltfantasien und Terror-Netzwerke
Im Report „Militanter Akzelerationismus“ beschreibt CeMAS die gezielte Verlagerung rechtsterroristischer Netzwerke auf Plattformen wie Telegram, 4chan oder 8chan. Auf den Plattformen verbreiten sich Inhalte, die zu Anschlägen aufrufen oder detaillierte Bauanleitungen für 3D-gedruckte Waffen liefern. In abgeschotteten Echokammern verstärken sich Jugendliche gegenseitig in ihren Gewaltfantasien. Aufgrund seiner Nutzung hat Telegram den Beinamen „Terrorgram“ erhalten.
Besonders bedenklich ist die Ästhetisierung von Gewalt: Attentäter wie jene von Christchurch oder Halle werden in Grafiken als „Helden“ inszeniert. Jugendliche, die solche Inhalte konsumieren, erhalten Bestätigung und die Illusion, Teil eines elitären Netzwerks zu sein.
Wenn Kinder zu Tätern werden
CeMAS hat in seiner Rechtsterrorismus-Datenbank 48 Fälle rechtsterroristischer Aktivitäten seit 2011 erfasst. Besonders alarmierend ist der wachsende Anteil junger Menschen unter den Tatverdächtigen.
Die Datenbank dokumentiert nicht nur den Anstieg jugendlicher Rechtsradikaler, sondern auch konkrete Fälle: Etwa einen 22-jährigen Deutschen, der sich in der Chatgruppe der Feuerkrieg Division radikalisierte und einen Anschlag auf eine Moschee plante – mit selbstgebauten Waffen und explizitem Bezug auf den Attentäter von Halle. Viele dieser jungen Täter handeln in dem Glauben, Teil einer größeren „Bewegung“ zu sein. Hashtags wie #ReadSiege oder Memes mit Verweisen auf James Masons Terror-Newsletter stützen diese Identifikation.
Digitale Radikalisierung in Österreich
Auch in Österreich zeigen sich ähnliche Dynamiken. Der Rechtsextremismusbericht Österreich 2025 beschreibt, wie sich Neonazismus zunehmend in digitale Subkulturen verlagert – etwa in Kampfsport-, Hooligan-, Musik- und verschwörungsaffine Szenen.
Der Bericht dokumentiert zudem erste Strukturen eines digitalen Akzelerationismus. Besonders im Umfeld rechtsextremer Verschwörungsszenen während der Corona-Pandemie wurden ideologische Brücken geschlagen, die nun in radikaleren Jugendmilieus weiterwirken.
Aufschwung rechter Narrative
Rechte Inhalte und identitäre Narrative erreichen laut Bericht beachtliche Reichweite. In Zeiten gesellschaftlicher Krisen wirken solche Botschaften auf Jugendliche besonders anziehend.
Die Ablehnung queerer Identitäten wird als „Mut zur Wahrheit“ inszeniert, rassistische Memes als Kritik am „System“ verpackt. So normalisieren sich rechte Positionen schrittweise im Alltag der Feeds.
Wenn Likes zu Radikalisierung führen
Die neue rechtsextreme Jugendbewegung tritt nicht mit Springerstiefeln auf, sondern mit TikTok-Sound, Discord-Channel und Insta-Meme. Sie ist anschlussfähig, selbstbewusst und digital gut organisiert. CeMAS warnt vor einer neuen Generation von Neonazis, die nicht über klassische Parteien, sondern über Social-Media-Logiken sozialisiert wird.
Prävention muss deshalb digital denken. Neben klassischer politischer Bildung braucht es Plattform-Moderation, gezielte Deradikalisierungsprojekte auf Social Media und Medienkompetenz für Lehrende, Eltern und Jugendliche. Der erste Schritt in die Szene ist heute oft nur einen Like entfernt.
Quellen
- Re:publica 2025 – Thilo Manemann und Miro Dittrich: Genz Z: Eine neue Generaion junger Neonazis? – Von neonazistischen Gruppen, jungen Rechtsterroristen und rechtsextremen Gamern
- CeMAS: Eine neue Generation von Neonazis – Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen 2024
- CeMAS: Militanter Akzelerationismus – Ursprung und Aktivität in Deutschland
- CeMAS: Rechtsterrorismus Database Report
- Stiftung DÖW: Rechtsextremismus in Österreich 2023
FAQ
Wie können Online-Plattformen zur Prävention von Radikalisierung bei Jugendlichen beitragen?
Online Plattformen wie saferinternet.at tragen zur Prävention bei, indem sie über Radikalisierung im Netz aufklären, aufzeigen, wo man sich für Unterstützung sowie Beratungen hinwenden kann und welche ersten Schritte gegen hetzerische Inhalte im digitalen Raum gesetzt werden können.
Wie kann man Anzeichen von Online-Radikalisierung bei Teenagern erkennen?
Erste Anzeichen sind laut saferinternet.at für eine mögliche Radikalisierung können Verhaltensänderungen, Rückzug, Leistungsabfall in der Schule oder auffällige Äußerungen sein. Sie können auf Stress oder den Einfluss problematischer Inhalte hinweisen. Wenn man sich unsicher ist oder Unterstützung sucht, ist es ratsam, sich an eine Beratungsstelle zu wenden.
Welche Beratungsstellen gibt es in Österreich für Eltern bei Verdacht auf Radikalisierung der Kinder?
Beratungsstelle Extremismus – Kostenlose, anonyme Hilfe bei Verdacht auf religiöse oder politische Radikalisierung.
Hotline: 0800 20 20 44 (Mo–Fr, 10–15 Uhr) | www.beratungsstelleextremismus.at
Rat auf Draht (Notruf 147) – Rund um die Uhr, anonym und kostenlos für Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen.
Telefon: 147 | rataufdraht.orf.at
Schulpsychologische Beratungsstellen – Unterstützung für Schulen, Lehrkräfte und Eltern in Krisensituationen.
Kontakt: www.schulpsychologie.at/schulpsychologie